
Stuttgart-Untertürkheim um 6.10 Uhr morgens. Wir stehen auf der Brücke Augsburger-Straße Benzstraße und sehen herunter auf ein totes Gleis, bzw. auf eine teilweise stillgelegte Gleisanlage. Der Blick mutet an wie ein Blick in die Vergangenheit. Es war einmal ein lebhafter Güter- und Personenverkehr, es war einmal eine Zeit, in der es das DCF-77 -Signal in Braunschweig noch nicht gab. Wir erinnern uns, DCF-77 ist genau der Sender, der nichts anderes tut als permanent digitale Uhrzeitinformationen zu senden. Dieser Sender macht aus einer Uhr ein Radio und damit wird jede Uhr – vom Notfallbetrieb abgesehen – zu einem Objekt. Diese hier dargestellte Uhr war ein Vorläufer davon. Seinerzeit wurde das Uhrzeitsignal nicht per Funk übertragen, sondern per Telefonleitung. Man musste die Uhrzeit „kaufen“.
Übrigens habe ich die Position der Uhr mal bei Google-Maps eingetragen. Von oben sind solche Uhren übrigens nur am Schatten erkennbar. Der Zeiger zeigt auf den Fuß des Schattens.
Erst 1978 wurde das durch das damalige Zeitgesetz die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) verpflichtet, ein permanentes Zeitsignal zu senden. Heute sind diese Leistungen selbstverständlich. Wir können Funkuhren (Junghans mega) kaufen und wir können damit rechnen, dass dieses Hochverfügbarkeitssignal zu mindestens 99,7% der Zeit in einem Umkreis von 1.900 km um Mainflingen (50° 01’ Nord, 09° 00’ Ost – etwa 25 km südöstlich von Frankfurt/Main) zur Verfügung steht.
0,3% eines Jahres sind etwas mehr als 1 Tag. Theoretisch kann das Signal also auch schon mal nicht zur Verfügung stehen und dann bleibt nur eines und das ist ein Notlauf als Quarzuhr. Jede Funkuhr enthält also auch eine Quarzuhr. Wer also zu einem kurzen Trip nach New-York fliegt, der kann seine Funkuhr mitnehmen und wer ggf. für ein halbes Jahr verreist, der braucht eine Funkuhr, dessen Uhrzeit man einstellen kann wenn kein Funksignal anliegt. So ist heute an alles und jedes gedacht.
Es gibt einen weiteren Nachfolger für kabelgebundene Zeitinformationen und das ist das Internet und es gibt sogar ein eigenes Protokoll, das NTP, das Network Time Protocoll. Auch hier gehört die PTB zu den einspeisenden Zeitinformanten, aber hier treten weitere Probleme auf. Hier geht es nicht so sehr um die genaue Uhrzeit, hier geht es mehr um die Zeitsynchronisation einer Gruppe von vernetzten Rechnern.
Aber wie dem auch sei. Angefangen hatte es einmal mit solchen Uhren, die zur damaligen Zeit auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen bereit standen.
Der Kontrast könnte größer nicht sein. Da ist eine Uhr aus der „guten alten Zeit“ mitten in einem toten Gleissystem. Die Uhr läuft noch und sie geht auch noch richtig. Das wiederum heißt: Man hat zwar die Gleise stillgelegt, aber man hat die Strom- und Signalleitungen nicht gekappt.
Rechts von der Uhr überquert man ein paar tote Gleise, dann die Straßenbahn und ist auf der Augsburgerstraße wo um diese Zeit schon viel „los“ ist. Links geht es über ein paar tote Gleise und einige noch für den Zivilverkehr genutzte und man bewegt sich auf die Benzstraße zu. Auch hier regt sich der Verkehr. Würde man nach oben sehen, dann schaut man auf die Brücke der B14. Hier ist noch nicht so viel los. Das dauert noch ½ bis 1 Stunde. Könnte man durch die Brücke durchsehen, sähe man nach Bad Cannstadt und hier wälzt sich bereits die Verkehrskolonne heran.
Im Jahre 1978 begann die PTB mit ihrer Arbeit. Zu dieser Zeit habe ich eine Lehre gemacht als Radio-Fernsehtechniker. Damals ging die Aera zu Ende, die von Harry Fuld gestartet wurde. Er gründete 1899 zusammen mit dem deutschen Techniker Carl Lehner (1871–1969) in Frankfurt am Main die Deutsche Privat Telephon Gesellschaft H. Fuld & Co, aus der nach Auftragsboykott und Arisierung 1937 die Telefonbau & Normalzeit GmbH (T&N) hervorging.
„Auftragsboykott und Arisierung“ sind andere Worte für Plünderung. Und Plünderer entwickeln nichts mehr, sie verkaufen nur noch. Dabei waren die Bahnhofsuhren in den Großstädten zu diesem Zeitpunkt auch schon garantiert verkauft und installiert worden. Der Firmenwechsel ist 72 Jahre her und ich schätze das Alter der Uhr auf mindestens 80 Jahre.
Und die Uhr läuft noch. Man müsste recherchieren wann diese Gleise in Stuttgart stillgelegt wurden, aber selbst wenn es nur 10 Jahre sind. Da ist eine 80 Jahre alte Uhr, die einfach noch läuft, weil man vergessen hat den Strom abzuklemmen. Und sie geht noch richtig.
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— Wolfgang Uhr · Mittwoch Dezember 30, 2009
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Mein Name ist Wolfgang Uhr, ich bin Physiker und entwickle Software im Bereich der Erfassung von Messdaten und deren Verarbeitung. Dies ist meine persönliche Hobbyseite.
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— Blogsammmlung · Jan 3, 12:18 · #
Blogsammmlung
Sehr schön! Professionell!
— wolfgang · Jan 3, 13:36 · #
Was ist jetzt an dem Beitrag “professionell”?
— Ansgar · Jan 4, 11:45 · #
Stimmt. Über die Uhren habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber es scheint nicht nur mit den Uhren so zu sein, dass eine Erfindung gemacht wurde, die ein funktionierendes System ersetzt hat. Es ist wie in einer Ehe. Man löst in Probleme, die man ohne gar nicht hätte. Besonders schön ist natürlich am Blog der Heimatbezug für einen Exilwürttemberger ;-)