Meine Eltern hatten früher Hühner und soweit ich mich erinnern kann wurde bei verschiedenen Gelegenheiten – wenn es denn gesungen wurde – das Lied “Ich wollt ich wär ein Huhn” mit folgender Strophe gesungen:
Ich legte jeden Tag ein Ei und Sonntags hätt ich frei.
Diese Überlegung stammt einfach aus der Praxis. Wie man im Jagd-Almanach nachlesen kann:
Im Jahr legt ein Huhn an die 280 Eier …
Das Jahr hat 52 Wochen und so wird schnell klar (280 + 52 = 332 < 365), dass das Huhn sogar öfter frei hat als einen Tag in der Woche. In der Hühnerhaltung geht man teilweise dazu über, die Hühner bei künstlicher Beleuchtung zu halten und so den Tag zu verkürzen um die Legeleistung zu erhöhen. Über die Erfolge kann ich an dieser Stelle nicht viel sagen. Bei der Wikipedia sind teilweise 0,9 Eier pro Huhn und Tag genannt. Geht man von den 280 Eiern des Almanach aus, so haben die Hühner eine Legeleistung von 0,77.
Für jemanden, der Hühner hält war es also völlig klar, dass es eben nicht pro Huhn und Tag ein Ei gibt.
Relativ leicht findet man bei Google resp. Youtube einen Ausschnitt aus dem Film “Die Glückskinder” aus dem Jahre 1936. Für diesen 93 Minuten dauernden Film wurde das Lied geschrieben es gab am 19.9.1936 die Uraufführung.
Hier in diesem Lied wird gesungen von dem Huhn – dämlich aber froh – und es lautet dann an der entscheidenden Stelle:
Ich legte jeden Tag ein Ei und Sonntags auch mal zwei.
In den Jahren 1936 gab es noch keine Massentierhaltung im heutigen Sinne. Die klare Vorstellung über die Eierproduktion waren verbunden mit Hühnern, die frei auf einem Bauernhof rumlaufen und brav ihre Eier an vordefinierten Plätzen legten, so dass der Bauer oder die Bäuerin diese einsammeln konnte. Natürlich musste ein Huhn deswegen dämlich sein. Immerhin hat es brav an der Stelle weiter Eier gelegt, wo diese doch immer wieder weggenommen wurden.
Warum zu damaligen Zeiten die Hühner “froh” waren, also auf Grund welchen Gesellschaftlichen Vorurteils man auf diesen Gedanken kam, dass ist mir nicht klar. Aber es kann etwas damit zu tun haben, was man heute in der Werbung preist – Freilandeier – Eier von glücklichen Hühnern. Das wird es sein. Sie waren seinerzeit eben nicht massenweise eingesperrt.
Das Ensemble Six singt nun im Stile der Comedian Harmonists eine Neufassung des Liedes.
Natürlich hat inzwischen keiner die Hühner gefragt und natürlich wird auch bei einer mit huhnverachtenden Methoden hergestellten Legeleistung von 0,9 – statt der der Legeleistung bei glücklichen Hühnern von 0,77 – immer noch von dem Huhn gesungen, dass “dämlich ist, aber froh”. Und auch in diesem Lied heißt es:
Ich legte jeden Tag ein Ei und Sonntags auch mal zwei.
Bildlich untermalt wurde sogar ein gefärbtes Ei gelegt, also die Erwartung, die unsere Gesellschaft stellt – an die Hühner ist
Doch es kommt Hoffnung auf für die Hühner – am Ende des Liedes. In der letzten Strophe lautet es:
Wär ich doch ein Uhu, dann hätt ich endlich ruh.
Ich säß in meinem Uhuloch und döste noch und noch.
Dann wäre ich Philosoph, nicht wie ein Huhn so doof.
Ich legte nicht ein einzig ei, wozu die Quälerei?
Denn so ein Ei macht Scherereien.
Wenns mal nicht glückt, heißts nur man hätte nicht gedrückt.
Ganz klar – auch hier entwickelt sich Verständnis für die Aussteigerbewegung. Nun wissen wir auch, wovon Hühner träumen in der Legebatterie. Die einen wollen doof bleiben und möchten Uhu werden und die anderen wollen ihre Persönlichkeit entfalten und träumen von einem Philosophiestudium. Spätestens hier muss klar sein: Nicht alle Hühner sind doof!
Was ich nicht verstehe und was man ggf. einmal in einem gesonderten Beitrag erläutern müsste: Wieso sind Uhus doof?
Doch viel viel wichtiger ist:
Und für den ganzen Quark gibts nicht mal eine Mark
Nur 30 Pfennig gibts pro Ei, man geht kaputt dabei.
Doch das hier ist im Grunde genau das, was unsere Gesellschaft auszeichnet. exorbitanten Leistungssteigerung auf der einen Seite und exorbitantes Lohndumping auf der anderen Seite. Und das Resume der Geschicht: “Man geht kaputt dabei”. Die Hühner scheinen nicht doof zu sein. Sie sind uns nur ein kleines Stückchen voraus.
Oder anders: Selbst in der Aussteigerbewegung gibt es heute Aussteiger …
— Wolfgang Uhr · Donnerstag Februar 4, 2010
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Ein herzliches Willkommen
Mein Name ist Wolfgang Uhr, ich bin Physiker und entwickle Software im Bereich der Erfassung von Messdaten und deren Verarbeitung. Dies ist meine persönliche Hobbyseite.
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