Fachkräftemangel, gibt es den wirklich?

Was versteht die Industrie unter Fachkräftemangel

In einem System in dem Angebot und Nachfrage den Preis reguliert, in einem solchen System zeigt naturgemäß ein hoher Preis einen Mangel auf und ein niedriger Preis einen Überschuss. Diese Regelung übertragen auf Fachkräfte bedeutet: Ab einem bestimmten Stundenlohn treten dann eben Mangelerscheinungen auf und unterhalb desselben gibt es genügend Fachkräfte.

Doch das ist genau besehen auch nicht ganz richtig so. Die Fachkräfte, die sich zu billig verkaufen, die bekommen auch keine Aufträge. Also wenn der Preis für die Fachkräfte zu stark fällt, dann ist die Industrie auch vorsichtig mit der Beauftragung. Der einzelne muss dann immer noch wissen, was er Wert ist.

Also kann sich der Stundenlohn einer Fachkraft nur in einem relativ gut determinierten Band bewegen. Liegt der Lohn unterhalb dann wird nicht eingestellt, weil man der Person misstraut, liegt der Lohn oberhalb des Bandes, wird nicht eingestellt, weil das Projekt einfach zu teuer ist.

Dabei muss man allerdings auch bedenken, dass hier noch Gewichtungsfaktoren eine Rolle spielen, die die Erfahrung der Fachkraft berücksichtigen. Jemand mit größerer Berufserfahrung kann trotz höherem Stundenlohn preiswerter sein. Des weiteren werden Projekte im Team durchgeführt und hier kann ggf. auch der preiswertere besser ins Team passen. Damit sollte klar sein, dass dieser Zusammenhang keineswegs linear sondern recht komplex ist und die Stundenlohnbandbreite sehr stark variieren kann.

Wie sieht der Fachkräftemangel aus wenn man diesen aus der Sicht der Fachkraft betrachtet?

Es gab eine Zeit in der Fachkräftemangel wirklich herrschte und das war die Jahrtausendwende. Hier musste man Projekte mit aller Gewalt durchziehen und zwar ungeachtet des Preises für die wirklichen Fachkräfte.

Aus dem wirklich vorhandenen Mangel an Fachkräften und auf Grund des vorhandenen Zeitpunktes in dem entsprechende Projekte klar umgestellt sein mussten hat sich eine Situation herauskristallisiert in der der Auftraggeber die Ausbildung der Fachkraft bezahlte. Aus der Sicht der Fachkraft bedeutete das: Technische Skills konnten während der Arbeit erworben werden.

Und hier mache ich meine Definition fest von Fachkräftemangel. Fachkräftemangel liegt genau dann vor, wenn es eine positive Antwort gibt auf die Frage, ob man in der Lage ist, im Markt während der Arbeit technische Skills aufzubauen. Gibt es diese Situation nicht, dann interessiert man sich nur für die ausgebildeten Kräfte und dann liegt ein solcher Mangel nicht vor.

Wie ist meine Beurteilung, liegt heute ein Fachkräftemangel vor?

Dazu möchte ich zwei Bewerbungen schildern und die Reaktion derer, bei der ich mich bewarb.

Umsetzung einer Visual-Basic Applikation in eine Java-Applikation

In der einen Bewerbung ging es darum, ein Programm – geschrieben in Visual-Basic umzuschreiben in Java. In diesem Zusammenhang muss man wissen, dass ich mehrere Jahre in Visual-Basic programmiert habe und hier klare Projekterfahrung habe. Dann habe ich mich in Java eingearbeitet und mit Java-Swing unter dem Borland JBuilder 1/2 Jahr in einem Projekt zugearbeitet. Ich hatte also eigentlich recht optimale Skills für solch ein Projekt und da das Visual-Basic-Programm wohl nach Rückfrage auch im Bereich der Messtechnik angesiedelt war, habe ich mich mit meiner Bewerbung ein wenig “mehr ins Zeug gelegt als üblich” und ein paar Dinge dazu geschrieben. Die Reaktion des Vermittlers war ernüchternd.

Nein Sie sind nicht genommen worden und das war ja klar. Hier brauchte man einen Java-Fachmann, der Visual-Basic lesen kann und Visual-Basic lesen kann schließlich jeder.

Fazit: Es gab hier offenbar keine Möglichkeit des Aufbaus von weiteren Skills. Fachleute in Java gibt es offenbar genug. Immerhin hat man für diese relativ überschaubare Aufgabe jemanden gesucht, der klare Java Projekterfahrung in mehreren Projekten hatte.

Dokumentation

Eine weitere Gelegenheit, seine Skills auszubauen war dann geben durch einen potenziellen Auftrag, zur Erstellung von einer Reihe von Dokumentationen. Kenntnisse im Bereich J2EE waren nötig, J2EE, Middleware und Datenbanken, und natürlich didaktische Fähigkeiten.

In diesem Auftrag handelte es sich nur um die Dokumentation. Also alles Wissen, was man wirklich braucht ist anlesbar und anlernbar. Und natürlich hätte ich an der Stelle nicht das Geld verdient, dass man mit technischen Dokumentationen allgemein verdienen kann. Aber ich hätte on the Job meine Skills ausgebaut.

Die Reaktion des Vermittlers:

Nachdem der Auftraggeber die Bewerbung erwartungsgemäß zurückgeschickt hat, sagen wir Ihnen auch ab, aber wir haben etwas besseres:

Und das bessere war dann:

Wir suchen für die Abteilung … in … zwei engagierte und qualifizierte Softwareentwickler mit physikalisch-technischem Hintergrund für die Entwicklung und Tests von Applikationen mit … -Messgeräten. Wir erwarten einen überdurchschnittlichen Studienabschluss in (technischer) Informatik oder Elektrotechnik. Die Entwicklung basiert hauptsächlich auf C++ im Visual Studio sowie zu einem kleineren Teil in Java mit Eclipse. Der Einsatz von C++ erfolgt zu einem großen Teil auch im Rahmen der Entwicklungsplattform .NET. Deshalb sind Kenntnisse von Konzepten dieser sprachunabhängigen Plattform wünschenswert. Die Geräteplattform ist Windows XP.

Weitere Forderungen sind:

Zur Automatisierung von Abläufen sind Kenntnisse der Skriptsprachen Ruby und Perl notwendig.

… Selbstständigkeit, Kreativität, Eigenverantwortlichkeit sowie Teamfähigkeit.

Solche Stellenangebote sind entweder eine verkappte Ablehnung oder aber ein Hinweis auf eine relativ lange Vermittlerfresskette. Kein Mensch realisiert in einem einzigen Arbeitsplatz eine .NET eine Java und eine C++-Applikation wobei die Module dann auch noch mit Ruby und oder Perl automatisiert werden. Zur Automatisierung von Windows-Applikationen gibt es VBA und diese waren in den von mir geschriebenen Visual-Basic-Programmen auch enthalten. Und in .NEt sind VBA-Module zunächst einmal natürlich auch möglich, obwohl es hier besseres gibt und in Java – soweit die Software auf Windows läuft und das wurde ja in der Anzeige behauptet – könnte man sogar eine “Java for Applications”-Schnittstelle implementieren und VBA natürlich auch.

Ruby und Perl sind auch keine “Automatisierungssprachen” wie Visual-Basic for Applications in der Tat für die Automatisierung von Office-Anwendungen entwickelt wurde, sondern es sind Sprachinterpreter, die auf Webservern zum Einsatz kommen im Bereich der aktiven – dynamischen -Seiteninhalte. Der wohl bekannteste Vertreter dieser Sprachen ist php und diese Webseite zum Beispiel ist eine Textpattern-Webeseite und Textpattern ist in php geschrieben.

Solche Stellenanzeigen wie oben zitiert werden von einem Vermittler an den anderen weiter gereicht, etwas umformuliert, damit man nicht entdeckt, dass ein anderer Vermittler die gleiche Stelle vermittelt und man hat wahrscheinlich eine Fresskette von 5 Vermittlern oder sogar noch mehr. Es lohnt sich nicht, sich hier zu bewerben.

Der Fachmann sucht eigentlich immer den Mix. Beim Auftrag möchte er Skills einsetzen, die er bereits hat und dafür möchte er welche bekommen, die ich noch nicht hat.

Damit ist aber auch klar, wo der Fachkräftemangel tatsächlich auftritt nämlich bei den Vermittlern einer viel zu langen Fresskette. Hier herrscht in der Tat ein Mangel, denn die Fachkraft muss dann für einen “Hungerlohn” schaffen und die Fresskette macht aus der billigen Kraft dann einen “gut bezahlten Fachmann”.

Nun ich habe Ihnen definiert, wie ich Fachkräftemangel definiere. Der Mangel liegt genau da vor, wo ich eine Chance habe, mich einzuarbeiten, wobei ich natürlich auch Arbeiten annehme, die ich ohne Einarbeitung direkt tun kann.

Und: Ja es gibt in der Tat Fachkräftemangel aber er ist keineswegs so häufig wie das Geschrei laut ist, dass man darum macht.

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— Wolfgang Uhr · Freitag Januar 16, 2009

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Kommentare

  1. — Dirk Oschmann · Jun 3, 14:12 · #

    Als Fachkraft geht man natürlich dorthin, wo man gut verdienen und aufsteigen kann. Wer hier also keine eigene Familie hat oder sonstwie örtlich gebunden ist, entert das Ausland, das macht sich ja auch gut im Lebenslauf!

    Gute Arbeit muss wieder mehr geschätzt werden, sowohl finanziell als auch im Sinne der individuellen Leistung. Dann bleiben die Fachkräfte auch gern hier und müssen nicht aus dem Ausland herangezogen werden!

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Mein Name ist Wolfgang Uhr, ich bin Physiker und entwickle Software im Bereich der Erfassung von Messdaten und deren Verarbeitung. Dies ist meine persönliche Hobbyseite.


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