Der Hartz-IV-Denkfehler

Das Focus-Hartz-IV-Modell

Wie sagt es der Focus

Ob Schneeschippen oder Hoffegen – im Umgang mit Arbeitsverweigerern ist der Staat nicht immer konsequent. Und die Gesellschaft hat das Prinzip von Leistung und Gegenleistung vergessen.

In einem hat der Beitrag in der Einleitung Recht, wir sind inkonsequent im Umgang mir Arbeitslosen. Das liegt aber daran, weil wir bestimmte Dinge nicht wirklich im Vollumfang durchdacht haben. Dazu das Beispiel im Focus:

Drei Studenten sitzen in einem Raum und sortieren Blätter. Dafür bekommen sie sechs Euro die Stunde. Plötzlich kommt der Chef herein und verkündet, dass er einen feuern muss. Damit der Entlassene über die Runden kommt, sollen die anderen beiden einen Teil ihres Lohns an ihn abtreten. Dafür dürfen sie aber entscheiden, ob er das Geld ohne weitere Gegenleistung erhält, oder ob er ein bisschen unterstützen muss beim Blättersortieren. Alle drei Studenten votieren für die Mithilfe. Begründung: „Weil das gerecht ist.“

Stimmt das? Ist das gerecht?

Beginnen wir einmal mit der Ausgangslage, verändern wir aber die Zahl der Studenten:

Dreihundert Studenten sitzen in einem Raum und sortieren Blätter. Dafür bekommen sie sechs Euro die Stunde. Plötzlich kommt der Chef herein und verkündet, dass er 100 von Ihnen entlassen muss.

Wir haben also irgend etwas wie Vollbeschäftigung und nun drohen – aus unklaren Gründen – eben Entlassungen. Dieses Modell erlaubt nur vage Vermutungen, wobei es m.E. durchaus legitim ist anzunehmen, dass es ganz einfach nicht mehr nötig ist, so viele Blätter zu sortieren. Die Kunden haben nicht etwa gesagt: Wir wollen nur den halben Preis zahlen, die Kunden haben gesagt: Wir haben nur noch 2/3 des bisherigen Volumens zu sortieren. Mit anderen Worten: Der Markt ist geschrumpft und es gibt weniger Arbeit.

Die eine “gerechte” Reaktion, jeder verdient weniger und jeder arbeitet weniger

85 Prozent aller Teilnehmer stimmten für die Option, den/die Arbeitslosen mitarbeiten zu lassen – als Gegenleistung dafür, dass sie ihm von ihrem Geld geben.

An dieser Stelle treten ein paar Probleme auf. Im Grunde könnte jeder sagen, dass er nur noch 2/3 der Zeit arbeitet für 2/3 des Lohnes. Die Leute sitzen also nicht mehr 8h am Tag zusammen und sortieren, sondern sie kommen nur noch 5,6 h am Tag zusammen und gehen dann nach Hause. Der Erfolg: Alle sind weiter gleichberechtigte Mitarbeiter, alle bekommen weiter den gleichen Stundenlohn und alle bekommen insgesamt weniger ausbezahlt, allerdings weil sie weniger arbeiten und nicht weil das Produkt preiswerter geworden ist.

Die “gerechte” Reaktion, einer wird entlassen und “hilft” nur noch.

Nehmen wir nun an, eine Gruppe von Personen x% wird entlassen und bekommen nun nur noch € 1,- für die Arbeit, während die anderen diese durch Lohnabzug mitfinanzieren. Rein mathematisch liegt die Lösung dann bei 180 Vollangestellten und 120 Entlassenen. Die Vollangestellten verdienen nun € 5,50/h und die anderen € 1,-/h.

Frage: Wie soll das gehen? Arbeit – also wirkliche Arbeit für alle – sind nur 5,6 h am Tag da. Nun könnte man die 120 Ein-Euro-Jobber die volle Arbeit tun lassen. Mit 120 Mitarbeitern kann man nun 60% der Produkte herstellen lassen und nach indischem Vorbild die 180 Vollangestellten dann die “restlichen 40%” tun lassen. Man kann allerdings auch die 180 Vollangestellten 80% der Arbeit tun lassen und nur 20 der “Ein Euro-Jobber” überhaupt einstellen für restlichen 20%.

Es ist ganz gleich, wie man es wendet. Entweder bekommen 100 Personen ein Gehalt fürs nichts tun oder 100 bekommen 1 Euro fürs nichts tun mit allen denkbaren Zwischenstufen.

Fazit: Irgendwer muss nichts tun. Das ist das Problem.

Die “gerechte” Reaktion, einer wird entlassen und arbeitet voll mit

Hier entstehen bereits Phasen. Zum einen geben jeder der Mitarbeiter 50 Cent ab. Aus einem ehemaligen € 6,-/h-Arbeitsplatz wird ein € 5,50/h-Arbeitsplatz und mit dem übrigen Geld entstehen € 1,-/h-Arbeitsplätze. Nun werden 1€-Mitarbeiter eingestellt, kommen und machen letztlich die gleiche Arbeit wie die Anderen. Die Folge ist einfach. Es ist nur 2/3 der Arbeit da. Da es für 3/3 aber Arbeitskräfte gibt wird es über kurz oder lang (eher) kurz zu einem weitere Arbeitskräfteabbau führen.

Nehmen wir an, wir entlassen 100 Mitarbeiter und stellen diese auf 1-Euro-Basis wieder ein. Die Gruppe hatte vorher eine Arbeitsleistung von 2.400 Arbeitsstunden pro Tag und nachher auch. Man hatte vorher Überkapazität und auch nachher. Nur: Wir haben vorher Kosten von 6 Euro in der Arbeitsstunde gehabt und nachher haben wir [(200*5,5+100*1)/300=4] eben nur 4 Euro an Kosten.

Man kann das gleiche Spiel wiederholen und wieder 100 Leute entlassen. Diesmal muss jeder verbliebene natürlich 1,50 bezahlen und man hat 100 Mitarbeiter mit 4,5 Euro Stundenlohn und 200 Mitarbeiter mit 1 Euro. Damit kostet die Arbeitsstunde in dem Betrieb nur noch 2 Euro.

Im letzten Schritt bleibt nur noch eines. Man muss die letzten 100 Mitarbeiter entlassen die noch die 4,50 verdienen. Für diese ist nachher nichts mehr da. Es gibt niemanden mehr, der nun eine Sozialabgabe abgibt. Sie waren die letzten, die das soziale Netz noch gehalten haben. Für den Betrieb ist das völlig gleich. Er hat 200 Mitarbeiter mit durchschnittlichen Kosten für die Arbeitsstunden von 1 Euro.

Fazit: Wer als Arbeitender mehr haben möchte als ein Arbeitsloser, der muss auf jeden Zwang verzichten, dass der andere eine Arbeit annimmt. Im Gegenteil, der muss für eine Unterstützung des Arbeitslosen sein, die dieser ohne Zwang bekommt.

Löhne stabil halten bedeutet: Derjenige, der keine Arbeit hat, der darf nicht wirtschaftlich gezwungen sein, alles Mögliche anzunehmen.

Zurück zum Zitat:

85 Prozent aller Teilnehmer stimmten für die Option, den Arbeitslosen mitarbeiten zu lassen – als Gegenleistung dafür, dass sie ihm von ihrem Geld geben.

Es mag sein, dass diese 85 % stimmen. Allerdings liegt diesem eine eklantante Fehlannahme zu Grunde. Die Leute sind arbeitslos, weil es diese Arbeit nicht gibt. Und je mehr man sie zwingt für wenig Geld zu arbeiten, desto mehr gerät der eigene Lohn unter Druck.

Wenn Sie Arbeitslose zwingen unentgeltlich Schnee zu schippen, dann sind die eigentlichen Scheeschipper arbeitslos. Wenn die Leistung sich wieder lohnen soll, dann muss man diese auch bezahlen. Der angestellte und sozialversicherungspflichtige Schneeschipper, der braucht für ein oder zwei Monate keine Arbeitslosenversicherung, im Gegenteil er kann sogar darin einzahlen. Und er muss einzahlen, denn nur seine Beiträge verhindern, dass der andere ihm für ein 1-Euro-Angebot den Job vor seiner Nase wegschnappen muss.


Interessanter Link hierzu:

Weshalb es in Deutschland nie Mindestlohn geben wird und was bei der Studie des KBI »übersehen« wurde.

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— Wolfgang Uhr · Mittwoch Februar 24, 2010

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Kommentare

  1. — NRj_66 · Mär 4, 23:45 · #

    ~~“Löhne stabil halten bedeutet: Derjenige, der keine Arbeit hat, der darf nicht wirtschaftlich gezwungen sein, alles Mögliche anzunehmen.”~~

    Also ich finde schon, das jeder jede Arbeit machen sollte, allerdings nicht für einen Euro. Was es wert ist für einen Euro getan zu werden sollte auch ein paar mehr Euros wert sein. Ich habe selber den Ententeich ausgeschippt und auf dem Friedhof gearbeitet, oder in Monheim Müll aufgehoben. (Da habe ich mich sogar freiwillig gemeldet, weil mir in dem einem Zimmer die Decke auf den Kopf fiel und Garten oder so hatte ich nicht).

    Da gibt es dann aber mehrere Probleme. Deine oben aufgeführten zum Beispiel. Auch denken manche Menschen Sie müßten einen den Müll noch extra vor die Füße werfen, die Friedhofsgärtner beschweren sich über die günstige Konkurrenz und vor allem, zu viele Firmen nutzen das Schamlos aus, weil Sie wissen das man nicht “Nein, zu diesem Lohn nicht!” sagen darf.

    Fakt ist m.M.n. das es durch die Automatisierung immer weniger Jobs für Körperarbeiter oder nicht so gut Ausgebildete gibt. Inzwischen haben wir ja da Problem das auch “Hochqualifizierte” oft keine Stelle mehr finden.

  2. — Wolfgang · Mär 5, 09:47 · #

    Exact das meine ich. Es geht nicht um die Arbeit, es geht um den Lohn. Der Lohn muss in einer Höhe liegen, dass man selbst so viel Abgaben zahlen muss, dass man andere stützen kann. Nur dann kann das soziale Netz weiter funktionieren.

    Und “Arbeitslosenbashing” oder “1-Euro-Jobber-Bashing” ist lieder ein wirkliches gesellschaftliches Problem.

  3. — ./. · Mär 11, 16:43 · #

    Mit Zeitarbeitern ist es genauso. Sie arbeiten oft über Jahre hinweg für einen Arbeitgeber, bekommen aber nur den halben Lohn – mit allen Konsequenzen wie, dass sie weniger in die Sozialkassen einzahlen und keine Betriebsrente bekommen, obwohl sie für die Firma gearbeitet haben. Auch die vielen Vergünstigungen wie für Festangestellte bekommen sie normalerweise nicht. Langfristig gesehen eine wirtschaftliche Katastrophe!

  4. — Walter Funkl · Apr 8, 23:24 · #

    Grundsätzlich ist die Rechnung richtig: so einfach funktioniert Wirtschaft aber nicht. Es müssen neue noch nicht da gewesene Tätigkeitsfelder identifiziert und angeboten werden. Dies war im Rahmen des letzten Aufschwungs des derzeitigen 5. sog. Kondratieff-Zykluss der Aufschwung der Informations- und Kommunikationstechnologien und die totale Einläutung des Informationszeitalters, indem der Begriff “Arbeit” schon eher dem Begriff “Wissen” hinterherläuft. Gerade eben befinden wir uns wieder in einer rezessiven Phase und es stauen sich global enorme Bedürfnisse auf. Diese Bedürfnisse sollten durch neue innovative Systeme befriedigt werden. Gelingt dies in Form einer sog. Basisinnovation kann es zu massiven sozioökonomischen und demographischen Veränderungen kommen. Dies ist alles Geschwafel aus den Kondratieff-Theorien, hängt dennoch vehement mit der aktuellen Beschäftigungsproblematik zusammen. Wir brauchen etwas, dass jemand zu Hauf produzieren muss und das noch dazu umweltverträglich ist bzw. sogar proaktiv die Umwelt/den Menschen regeneriert, um sozusagen der Automobilindustrie den Rücken zu kehren – die Nachfrage sinkt ohnehin.

    Ich meine also: Statt 1-EUR-Schnee-schippern gehe ich lieber 15-EUR-Solarpanele montieren.

    Das Geld derjenigen, die die Gewinner der Informationswirtschaft sind, soll so umverteilt werden, dass es deren Umwelt gut tut. Dort müssen neue Tätigkeitsfelder identifiziert werden und vieles wird besser!!!

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